Donnerstag, 23 of Februar of 2012

Ist Engagement sinnvoll?

zu der Frage, ob Engagement sinnvoll ist, hat der Philosoph Vilém Flusser folgende Grundbetrachtungen niedergeschrieben. Diese Sätze sollen zitiert werden, da sie die menschlichen Grundzweifel an einer persönlichen Einflussmöglichkeit, die  Welt zu Bessern, aufgreifen und mit nur einem einzigen Argument (dem Letzten) wiederlegen:

Engagement

Wenn ich meiner das erste Mal bewusst werde, lege ich mir von der Welt, in der ich mich befinde und die nicht so ist, wie sie sein soll, Rechenschaft ab, und entscheide mich, die Welt zu verändern. Dieser Entschluss spielt sich in einem Klima des Widerwillens gegen das So-sein der Welt ab, und in einem Klima der Spannung durch den Anspruch an die Welt, sie zu verändern.

Die nachfolgenden Begegnungen mit mir selbst bringen folgende enttäuschende Momente mit sich:

a) Ich weiß immer weniger, wie die Welt ist, weil ich immer neue Facetten der Welt entdeckend in Folge dieser Komplexität kann ich nicht mehr mit der gleichen Kompetenz behaupten wie die Welt zu sein hat, denn um dies zu tun muss ich zuerst wissen, wie die Welt ist. Und das ist eine unmögliche Aufgabe.

b) Ich weiß immer weniger, wie die Welt zu sein hat; weil ich immer neue Modelle entdecke, Gruppen von Modellen, Hierarchien von Modellen, und Unbeständigkeit innerhalb aller Modelle, so dass ich nicht mehr ehrlich behaupten kann, dass die Welt nicht ist wie sie sein soll, denn um dies zu tun, muss ich wissen, wie sie zu sein hat. Ein unmögliches Unterfangen.

c) Ich entdecke, dass das Engagement, als Anwendung von Modellen auf die Welt, nicht nur die Welt verändert, sondern auch das Modell, so dass jedes Engagement, sollte es Erfolg haben, nicht zur Verwirklichung des Modells führt, an dem ich engagiert war, sondern zu seiner Verstümmelung.

d) Ich entdecke, dass ein Modell einem anderen vorzuziehen, nicht nur etwas mit der Welt zu tun hat, sondern auch mit mir selbst, so daß ich mich nicht nur engagiere, um Werte zu verwirklichen, sondern besonders, um mich selbst zu verwirklichen. Eine solche Entdeckung nimmt dem Engagement das Element des Opfers, also das Heilige, das es entzündete.

e) Ich entdecke dass die Welt nicht auf mich gewartet hat- wie ich es anfangs dachte, ohne es vielleicht einzugestehen-, sondern im Gegenteil, dass sie sich dummer- und Passiverweise den Änderungen um die ich mich bemühe, widersetzt, so dass mein Engagement weder zu einem Kampf noch zu einer Niederlage führt- was eine heroische Angelegenheit wäre-, sondern zu Sinnlosigkeit und Gleichgültigkeit.

f) Ich entdecke die enttäuschendste Entdeckung-, das in den seltenen Fällen, in denen mein Engagement tatsächlich zur Änderung der Welt führt, das Resultat kein triumphales Erlebnis oder eine Befriedigung ist, wie das einer erfüllten Aufgabe, sondern eher das Erlebnis eines verpfuschten Lebens. Der Sieg hinterlässt den Geschmack von Löschpapier im Mund, viel mehr noch als die Niederlage. Und schließlich und endlich

g) entdecke ich, dass alle diese Entdeckungen, obwohl sie vollkommen gültig sind, etwas zu leichtfertig von mir angenommen wurden, da sie das Desengagement rechtfertigen, dass ich zu dieser Zeit nicht nur der Entdeckung wegen, sondern auch aus Trägheit und Feigheit, suchte. So dass mich meine Ehrlichkeit zuzugeben zwingt, dass nicht nur die Gültigkeit der Argumente gegen das Engagement, sondern auch das darauffolgende Desengagement zu einer Welt führen, die nicht so ist, wie sie zu sein hat, und zu meiner Passivität.

Vilém Flusser