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journalistische Texte von weltwärts-Freiwillligen 2011
Autorin: Christina Gerdts- Bogota- Kolumbien![]()
Landreform oder Verschärfung der Ungleichheit?
Landbesitz und die Initiative der Regierung Santos zur Landrückgabe an Vertriebene in Kolumbien
„Lo que me hace falta es tierra“, „was mir fehlt ist Land“ sagt Doña Ramona, „ich bin Bäuerin, was macht eine Bäuerin ohne Land?!“. Doña Ramona ist eine von geschätzten 4 bis 6 Millionen Binnenvertriebenen in Kolumbien. Vor 20 Jahren musste sie ihren Hof in der Region Tolima verlassen und mit ihrer Familie nach Soacha in den Süden von Bogota fliehen. Seither kämpft sie als Vertriebene jeden Tag darum ihren Lebensunterhalt zu sichern und träumt davon aufs Land zurückzukehren und ihr Leben wieder der Landwirtschaft zu widmen. Theoretisch sind es Menschen wie Doña Ramona, die von der Initiative der Regierung Santos zur Landrückgabe an Vertriebene profitieren sollen. Ob das Regierungsprojekt allerdings ambitioniert genug ist die extreme Ungleichheit im Land, die ruralen Armutsindizes und den Zugang zu Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu verbessern, bleibt abzuwarten.

Doña Ramona in ihrem Viertel in Soacha- südliches Bogota
Kolumbien ist eines der Länder in denen der Landbesitz extrem ungleich verteilt ist: Einige wenige Grossgrundbesitzer mit riesigen Ländereinen besitzen mehr als 60% der landwirtschaftlichen Flächen, während die Mehrheit der BäuerInnen in kleinsten Einheiten gerade mal 2% des Landes bewirtschaften. Diese duale Struktur- Grossgrundbesitz und kleinste Flächen für die Subsistenzlandwirtschaft- hatte sich schon mit der spanischen Eroberung etabliert und hat sich weder durch die „Unabhängigkeit“ im 19. Jahrhundert, noch durch die Reformversuche der mehr oder weniger demokratischen Regierungen im 20. Jahrhundert wesentlich verändert. Das liegt daran, dass Landbesitz neben ökonomischem Profit immer eng mit politischer Macht verbunden war und ist und die sozialen Bewegungen der BäuerInnen und der ländlichen Bevölkerung, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Agrarreform und Umverteilung fordern, niemals genug Einfluss erlangen konnten, um sich gegen die Interessen der ländlichen Oligarchie und des nationalen und internationalen Kapitals durchzusetzen.
Die Agrar-und Wirtschaftspolitik- bestimmt von den Interessen eben dieser nationalen Elite und den (Konsum-) Bedürfnissen und dem Ressourcenhunger der Industriestaaten- zielt auf die Förderung der Agrarindustrie, sprich die Produktion in riesigen Plantagen von Exportgütern wie zum Beispiel Kaffee, Bananen, Baumwolle etc., den Anbau von Zuckerrohr und Palmöl für die Produktion von Bio-Kraftstoffen und den Abbau der Bodenschätze wie zum Beispiel Erdöl, Koltan und Gold. Dieses „Entwicklungs- Modell“ nutzt vorwiegend den Grossgrundbesitzern in Kolumbien und den Firmen, Staaten und KonsumentInnen im Norden- zum Beispiel in Deutschland-, die durch billige Rohstoffe gemäß kapitalistischer Wachstumslogik immer mehr Produkte produzieren und konsumieren können. Die Kosten trägt die Bevölkerung in Kolumbien: Ohne Land oder mit winzigen Flächen können die KleinbäuerInnen ihren Lebensunterhalt nicht sichern. Durch die Landnutzung für Exportprodukte müssen außerdem Nahrungsmittel teuer importiert werden, die sich viele KolumbianerInnen nicht leisten können. Weiter sind die Umweltverschmutzung und irreversible Zerstörung der einzigartigen Biodiversität, Gesundheitsprobleme für die AnwohnerInnen und Umsiedlung oder auch gewaltsame Vertreibung allgegenwärtige Folgen des extraktiven und agroindustriellen Entwicklungsmodells. Durch den seit 40 Jahren währenden gewaltsamen Konflikt zwischen staatlichen Militärs, paramilitärischen und Guerilla- gruppen über die Kontrolle des Territoriums und der Bodenschätze hat sich die Situation für die ländliche Bevölkerung weiter verschlechtert: Flucht, Vertreibung, Armut und Migration in die Elendsviertel der grossen Städte sind die Folgen.
Das Gesetz zur Landrückgabe an Vertriebe, das derzeit im Parlament diskutiert wird, ist Teil einer umfassenderen Initiative zur Entschädigung der Opfer des gewaltsamen Konflikts, die Versöhnung, Gerechtigkeit und das Recht auf Eigentum (wieder-) herstellen sollen. Das Gesetz beinhaltet die Rückgabe von 2 Millionen Hektar Land an die Opfer der Vertreibung und die Formalisierung ihrer Eigentumstitel bis zum Jahr 2014.
Abgesehen davon, dass es im politischen Lager wesentliche Vorbehalte gegen die Gesetzesinitiative gibt, gibt es vielfältige ungelöste Fragen und Probleme bei der Landrückgabe: Der gewaltsame Konflikt in Kolumbien ist weiterhin bittere Realität vor allem in den ländlichen Regionen des Landes. Wie sollen die Vertriebenen auf ihre Ländereinen zurückkehren, wenn weiterhin dieselben bewaffnete Akteure das Territorium kontrollieren, die sie vorher vertrieben haben? Ein wichtiger Fakt ist in diesem Zusammenhang, dass seit dem Amtsantritt des Präsidenten Santos im August 2010 und der Ankündigung des Projekts zur Landrückgabe 11 VertreterInnen von Vertriebenenorganisationen umgebracht wurden, die sich für die Landrückgabe eingesetzt haben. Die Menschenrechtsorganisation CODHES spricht von 44 Morden seit 2002 im Zusammenhang mit dem Kampf um das Recht auf Rückkehr. Die Botschaft ist klar: Wer sich für Landrückgabe einsetzt, lebt gefährlich in Kolumbien. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Agrarpolitik des Landes weiterhin auf die Agrar-industrie setzt und es keine Förderungsprogramme für KleinbäuerInnen gibt (Kredite, Infrastruktur, Fortbildung etc.). Dies hat zur Folge, dass potenziellen RückkehrerInnen keine Möglichkeit haben ihre Ländereinen gewinnbringend zu bewirtschaften und diese deshalb sehr wahrscheinlich entweder zu günstigsten Preisen verkaufen oder verpachten müssen. Wer kann es sich aber leisten Land zu kaufen oder zu pachten? Die KleinbäuerInnen werden es nicht sein, sondern nationale und internationale Groß Investoren. Somit wird sich die Struktur des ungleichen Landbesitz verschärfen, anstatt eine Umverteilung zu bewirken. Ein weiterer Kritikpunkt ist die geringe Zahl von 2 Millionen Hektar Land im Angesicht von 10 Millionen Hektar, die die Vertriebenen zurücklassen mussten. Außerdem ist das Gesetz weit davon entfernt, den Grossgrundbesitz zu Gunsten der KleinbäuerInnen zu demontieren, also eine Agrarreform zu initiieren, die tatsächlich die Verringerung der extremen Ungleichheit und Armut im Land zum Ziel hätte, wie sie etwa in Mexiko, Bolivien und Kuba durchgesetzt wurden.
Das Gesetz zur Landrückgabe kann folglich als Teil des umfassenderen Regierungsprojekts verstanden werden, das ländliche Privateigentum zu sichern, mit dem Ziel in- und ausländische Investitionen für agroindustrielle Projekte anzulocken. Das die Initiative die Situation der Vertriebenen verbessern und die Armut und Ungleichheit im Land verringern wird, bleibt unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Konzentration des Landbesitzes in den Händen weniger Investoren verstärkt und mit agro- industriellen Projekten die Nachfrage des globalen Marktes bedient, die Taschen der nationalen und internationalen Eliten gefüllt und Ungleichheit und Armutsindices weiterhin traurige Höchstrekorde vermelden werden.
Trotz der extremen Bedrohung und Krimalisierung der sozialen Bewegungen durch staatliche und private Gewaltakteure gibt es vielfältige Vertriebenen-, Menschenrechts-, und BäuerInnenorganisationen, die den Kampf gegen die Landkonzentration, Armut und für eine integrale Landreform noch nicht aufgegeben haben. Dringend benötigt wird internationale Solidarität mit diesen gesellschaftlichen Kämpfen, damit der Traum von einem anderen Kolumbien und einer anderen Welt möglich wird. „Otro mundo es posible“, eine andere Welt ist möglich, wie es die globalisierungskritische Weltsozialforumsbewegung formuliert hat- wenn wir es denn wollen…


Abschlusskundgebung auf dem Plaza de Bolivar und Plakat
Der congreso de los pueblos/ Kongress der Völker, der im Oktober 2010 in Bogotá stattfand, ist die größte Mobilisierung sozialer Bewegungen auf nationaler Ebene, die für ein demokratischeres und gerechteres Kolumbien kämpfen.
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Autorin: Katharina Wagner aus Bogota
Der Bürgerkrieg in Kolumbien
Kolumbien, das drittgrößten Land Lateinamerikas, befindet sich seit nunmehr über 40 Jahre (seit 1964) in einem nur schwer zu beendenden Krieg zwischen Guerilla Gruppen, den staatlichen Streitkräften sowie paramilitärischen Einheiten. In den vergangenen Jahren konnte der Krieg weder militärisch noch durch Verhandlungen beendet werden. Vielmehr kam es zur territorialen Ausbreitung des Konflikts, nicht zuletzt durch die Involvierung der USA, so dass die negativen Auswirkungen des Konflikts zunehmend auf Kolumbiens Nachbarländer, vor allem auf Ecuador, übergreifen. Zu den wohl schlimmsten Begleiterscheinungen des bewaffneten Konflikts in Kolumbien, gehören die große Zahl an Kindersoldaten (11.000 Kinder) sowie an Binnenflüchtlingen, den so genannten desplazados (5,2 Millionen).
Kindersoldaten
Sowohl die linken Guerillagruppen, die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia-Ejército del Pueblo (FARC-EP) und die Unión Camilista-Ejército de Liberación Nacional (UC-ELN), als auch die rechten paramilitärischen Einheiten rekrutieren Minderjährige für ihre irregulären Streitkräfte.
Das Fakultativprotokoll der Kinderrechtskonvention verbietet die Rekrutierung von minderjährigen Kindern und deren Einsatz im bewaffneten Konflikt. Dennoch ist jeder vierte irreguläre Kämpfer im kolumbianischen Bürgerkrieg minderjährig. Diese Kinder, die mehrheitlich aus extrem armen Familienverhältnissen stammen, kämpfen gegen Kinder, die aus ähnlich schlimmen Verhältnissen stammen, ohne den Sinn oder das Ziel des Krieges zu verstehen. Von Anfang an werden die Kinder sowohl von den Guerillagruppen als auch von den paramilitärischen Einheiten daraufhin trainiert, keinerlei Gnade mit den Mitgliedern oder Sympathisanten der anderen Gruppen zu haben, zu töten, zu foltern und zu verstümmeln. Diese Brutalität begegnet den Kindern auch wenn sie selbst in die Hände der „Feinde“ geraten. Erfüllen die Kinder ihre militärischen Aufgaben nicht zufriedenstellend oder versuchen zu fliehen, werden sie von anderen Kindersoldaten aus der eigenen Gruppe hingerichtet. Viele der Kinder werden in den Kämpfen mit den staatlichen Streitkräften schwer verletzt oder sterben.
Obwohl sich sowohl die Guerillagruppen als auch die paramilitärischen Einheiten zur Demobilisierung der Kinder bereit erklärt haben, hat die Rekrutierung von Kindern in den letzten Jahren stark zugenommen und es lassen sich keine ernsthaften Bemühungen erkennen die Rekrutierung von Kindern zu unterlassen. Auch der kolumbianische Staat ist nicht in der Lage Minderjährige gegen die Rekrutierung zu schützen.
Desplazados-„die heute wohl größte humanitäre Herausforderung“ (UN-Generalsekretaer Ban Ki -Moon)
„Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons, abgekürzt IDPs) sind Zivilisten, die von ihrem Wohnort vertrieben wurden, aber ihr Heimatland nicht verlassen haben. Dies unterscheidet sie von Flüchtlingen, die über eine Staatsgrenze fliehen. Binnenvertriebene sind besonders verwundbar. Sie stehen nicht unter dem Schutz der UN-Flüchtlingskonvention, der zufolge Flüchtlinge im Gastland ein Mindestmaß an Schutz und Versorgung erhalten müssen. IDPs sind auf die Regierung des eigenen Staates angewiesen, die sie häufig nicht schützen kann oder will, so dass die Mehrheit auch nach der Flucht von Gewalt bedroht ist. Viele Binnenvertriebene haben zudem ihren Lebensunterhalt verloren und sind Hunger und Seuchen ausgesetzt.“ (http://www.welthungerhilfe.de/binnenvertriebene.html)
Geschätzte 5,2 Millionen Kolumbianer leben als Binnenvertriebene (desplazados) in ihrem Land wodurch Kolumbien laut der Nichtregierungsorganisation Consultoría para los Derechos Humanos y el Desplazamiento (Codhes) Länder wie den Sudan, Irak und Afganistan übertrifft. Nur etwa 2% der desplazados in Kolumbien leben über der Armutsgrenze und nur etwa ¼ über dem Existenzminimum. Ein Großteil der Binnenvertriebenen werden staatlich nicht erfasst und leben somit ohne jegliche finanzielle oder rechtliche Absicherung. Zu den Motiven die viele kolumbianische Familien dazu veranlassen, ihre Heimat zu verlassen, gehören unter anderem die Furcht vor einer Zwangsrekrutierung ihrer Kinder durch die irregulären bewaffneten Gruppen (s. Kindersoldaten) sowie die Angst vor der Gewalt der angeblich aufgelösten Paramilitärs und deren Todesschwadronen die oftmals mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten. Auf der internationalen Bühne wird die Sicherheit Kolumbiens fuer auslaendische Investoren gelobt sowie auch die zunehmende Reisesicherheit für Touristen- für die Vertriebenen im eigenen Land dagegen existiert keine Rechtssicherheit. Im Gegenteil werden tausende Bauern gewaltsam von ihren Ländern vertrieben um diese für Bananen- oder Palmölplantagen, welche vom Militär bewacht oder von Paramilitärs kontrolliert werde, nutzbar zu machen.
Die Regionalisierung der kolumbianischen Konflikts- Ecuador als eigentliches Opfer?
Allgemein spricht man von der Regionalisierung eines Konflikts wenn sich dessen Effekte in zunehmendem Maß auf die Nachbarländer des betroffenen Staates auswirken. Ecuador ist das am stärksten vom innerkolumbianischen Konflikt betroffene Nachbarland Kolumbiens, da die Militarisierung und Regionalisierung des kolumbianischen Konflikts in mehrfacher Hinsicht folgenreiche Auswirkungen auf Ecuador hat. An 95% der Grenze zwischen Kolumbien und Ecuador ist der kolumbianische Staat nicht präsent, so dass fast die ganze Grenze unter der Kontrolle der irregulären Gewaltakteure AUC, FARC und ELN ist. Durch diese mangelnde Präsenz des Staates an der Grenze wird diese zum Schauplatz reger illegaler Handelsbeziehungen von Waffen und Drogen. Zudem werden die ecuadorianischen Grenzprovinzen von den bewaffneten Gruppen als Rückzugsgebiet genutzt um sich entweder neu auszurüsten oder zu regenerieren.
Ein weiteres Merkmal der zunehmenden Regionalisierung des kolumbianischen Konflikts ist die Flüchtlingsproblematik mit der sich Ecuador konfrontiert sieht. Als Folge der eskalierenden Gewalt gegen die Zivilbevölkerung in Form von Morden und Entführungen, aber auch als Folge der chemischen Besprühungen im Zuge des Plan Colombia, welche die Lebensgrundlage vieler Bauern zerstören, kommt es zur Vertreibung einer Vielzahl von Kolumbianern aus ihren Heimatorten. Zwar bleibt der Großteil der schätzungsweise bis zu 5 Millionen Binnenflüchtlinge (s. Desplazados) in Kolumbien, dennoch geht man davon aus, dass sich bis zu 300.000 kolumbianische Flüchtlinge in Ecuador aufhalten.
Eine weitere Konsequenz der Regionalisierung des kolumbianischen Konflikts ist der enorme Militarisierungsprozess, vor allem der grenznahen Provinzen, der sich im Zuge des Plan Colombia noch verstärkt hat. Im April 2003 wurde die gesamte Grenzregion zur Kriegszone erklärt uns somit der direkten Entscheidungsgewalt der Streitkräfte unterstellt. Die Militarisierung der Grenzregion ist zum einen eine Reaktion Ecuadors auf die zunehmende Gewalt gegen die dort lebende Zivilbevölkerung und die anwachsende Kriminalität, und zum anderen eine Konsequenz aus dem Druck den sowohl Kolumbien als auch die USA verstärkt auf Ecuador ausüben um dieses zu einer aktiveren Beteiligung bei der Aufstands- und Drogenbekämpfung zu bewegen.
Eine weitere gravierende Auswirkung des kolumbianischen Konflikts auf Ecuador liegt in der´Schwerpunktsetzung des Plan Colombia begründet: die Zerstörung der illegalen Drogenpflanzungen durch so genannte Eradikationen (chemischen Luftbesprühungen) führt zu massiven Umweltschäden, zur Zerstörung von Nutzpflanzen, dem Tod von Nutztieren und zu Gesundheitsproblemen der Zivilbevölkerung. Besonders betroffen von den seit 2000 stark zunehmenden chemischen Luftbesprühungen sind die indigenen Gemeinden und Kleinbauern die in der Grenzregion leben.
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Autorin: Malena Jessberger, Freiwillige, New Delhi
„Eine Welt – Viele Welten“
„Wenn ich etwas in diesem Land gelernt habe, dann, dass Unterschiede etwas Wertvolles sind. Und kluge Menschen würden dir dein Anders – Sein niemals vorwerfen.“
Indien ist das Land der Farben und Stoffe, der schönen Menschen, der Tempel, Götter und Gerüche. Indien ist aber auch das Land der Kontraste und Unterschiede.
Kommt man nach Indien ist eines der wundervollsten Aspekte im indischen Alltag die Bereitschaft zu teilen. Wie selbstverständlich werden Essen, Kleidung, Bett, Eltern und Zeit bedingungslos miteinander geteilt, ob in der Familie, bei Freunden, am Arbeitsplatz oder sogar im Zug. Der Ausländer ist und bleibt der Gast, der als respektlos gilt, verschmäht er eine dargebotene Süßigkeit, einen Tee, eine Mahlzeit oder eine Freundschaft. Da kommt es schon mal vor, dass man gerade gegessen, zu einem Vier – Gänge – Menü eingeladen wird. Besonders für traditionelle InderInnen gilt es als größte Ehre, einen Gast zu bewirten und sie werden sich äußerste Mühe geben, den Teller niemals leer werden zu lassen. An dieser Stelle muss eine kleine Anekdote erzählt werden: Ein Freund und ich waren bei einer traditionellen indischen Familie zum Abendessen eingeladen. Die Vorspeise bestand aus einer Sahnetorte, nach der wir bereits mehr als satt waren. Während des Hauptganges mussten wir fünfzehn Fladenbrote essen, die lediglich die Beilage sind. Dazu gab es Dahl, Kartoffeln, Gurken, verschiedene zubereitete Gemüse und Soßen. Zum Nachtisch mussten wir den Rest der Sahnetorte essen, den wir zu Beginn nicht mehr geschafft hatten und ein Glass Büffelmilch trinken. Unsere Gastgeber aßen verschwindende Mengen. Es fiel uns schwer, danach nach Hause zu gehen.
Erst nach dem Rausch der ersten Faszination erkennt man, dass man ebenso oft einem gegeben wird, auf die Schippe genommen wird. Sei es, dass man das Doppelte für eine Rikscha Fahrt bezahlt, oder vier Bananen so viel kosten wie ursprünglich acht. Auch auf Stoff – und Schuhmärkten, immer wird ein maßlos hoher Preis genannt und als weißer Ausländer schwebt man ständig in der Gefahr, einen Extrabonus zu zahlen. Hier muss der Käufer schnell lernen, hemmungslos zu handeln, und sich von der sympathischen Frechheit der Verkäufer nicht einschüchtern zu lassen. Denn auf diesem Gebiet sind die InderInnen äußerst trickreich und gewitzt. Doch diese Manier ist niemals böse gemeint, denn nach dem Geschäft und einer hitzigen Verhandlung wird man wie selbst verständlich zum Tee eingeladen. Doch benötigt man beim Handeln stets ein hohes Maß an Geduld, Feingefühl und Gelassenheit.
Auch Verspätungen von Zügen, Unpünktlichkeit oder Strom – und Wasserausfall werden mit größter Gelassenheit von Frau und Mann, Jung und Alt hingenommen. Es ist, wie es ist. Es kommt, wie es kommt. Man klagt nicht, beschwert sich nicht, hinterfragt Unannehmlichkeiten seltener als anderswo. Regt man sich auf oder erhebt man die Stimme im Zorn, hört man lediglich ein belustigtes „no problem“. Doch dann, wenn man überzeugt ist, dass das indische Volk nichts aus der Ruhe bringen kann, beobachtet man diese Menschen, wie sie in höchster Panik zu einem Zug rennen, der erst in dreißig Minuten abfahren wird, oder man sieht sich im Shop an der Kasse plötzlich hinter, statt wie noch kurz vorher, vor einem Inder. Das Wort „Warten“ ist ein Fremdwort – für Jung und Alt. ![]()
Doch in vielen anderen Bereichen unterscheiden sich Jung und Alt wie Tag und Nacht. Während die Älteren Geneartionen sehr traditionell und kompromisslos sind, sei es im Kleidungsstiel, im Glauben oder der Kultur, stehen die Jüngeren in einem zerreißenden Konflikt. Auf der einen Seite lieben sie ihre Familie, ihr Land und ihre Götter und können ihre traditionelle Erziehung nicht vergessen. Auf der anderen Seite versuchen sie, angeregt durch die Verwestlichung des Fernsehens, des Kinos und der Kleidung, auszubrechen. Sie hören westliche Musik, tragen Jeans und T-Shirt und träumen von Freiheit, Partys und Liebe. Ihre tiefen, traditionellen Wurzeln in den Herzen und die Versuchung in der Realität treibt sie in einen kaum zu lösenden Konflikt, der ohne die Fähigkeit des indischen Volkes, auszuhalten, nicht zu tragen wäre.
Mit so vielen Spannungen diese Menschen auch leben müssen, niemals mangelt es ihnen an Freundlichkeit, Bemühen oder Hilfsbereitschaft. Wo sie können, eilen sie zur Hilfe, ohne die geringste Gegenleistung zu erwarten. Sei es aus Interesse oder „just to help“, man bleibt nie alleine mit seinem Problem. Bei all dem Eifer merken sie manchmal nicht, dass ihre Hilfsbereitschaft in Aufdringlichkeit umschlägt. Penetrant wird versucht, jede mögliche Hilfe anzubieten, ohne die Überforderung des Gegenübers zu bemerken.
Doch trotz aller Gastfreundschaft, trotz aller offenen Türen, bleibt man als Weißer oder Weiße immer fremd. Der Respekt vor dem Gast ist zu groß und tief, um alle Grenzen zu durchbrechen. Gerade die enormen Bemühungen führen einem einmal mehr vor Augen, wie fremd man hier eigentlich ist.
Doch der verwirrenste, größte, entschiedenste und schwierigste Kontrast in Indien ist wohl der hautnahe Gegensatz zwischen Arm und Reich.
Nicht ohne Grund sagt man, dass in Indien die reichsten, aber auch die ärmsten Menschen leben. Wenn ein Slum mit den ärmsten Menschen Indiens, in dem es von Müll, Fliegen, Kindern und notdürftigen Hütten wimmelt, neben einer gigantischen Shopping Mall mit Gucci, Boss und anderen Marken liegt, spürt man die unbeschreibliche Ungerechtigkeit, die in unserer Welt herrscht, am eigenen Leibe. Voller Erstaunen und Bewunderung blickt man den lachenden Slumkindern hinterher und fragt sich, wie sie in all dem Unrecht glücklich sein können. Auf den Straßen fahren Mercedes neben Ochsenkarren, Villen schießen neben zwei Quadratmeter – Behausungen für ein Großfamilie in die Höhe, Highways werden gebaut, während in den meisten Wohnsiedlungen keine befestigten Straßen existieren und sich die Staubpisten in Sümpfe verwandeln, sobald der Monsun beginnt.
Es erfordert ein höchstes Maß an Kraft und Distanzierung, ständig mit diesen nicht endenden Kontrasten konfrontiert zu werden. Denn man ist einfach nur hilflos anhand des Ausmaßes des Elendes, welches neben dem Glamour nur noch hoffnungsloser erscheint. Doch wagt man sich einmal in das Reich der Armen und Ärmsten, findet man strahlende Schätze. Menschen, die ihr Lächeln noch nicht verloren haben, die noch Zeit finden, sich zu interessieren, die mehr geben, als sie haben.
Und trotz aller Zerrissenheit, Konflikte und Zwiespälte, trotz der großen Differenzen und dem täglichen Kampf, jenem bewusst zu sein, besitzt Indien eine Einheit und einen Zauber, die, wenn an die Augen offen hält, wunderschön sein können.
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Selber schreiben!!!
Wie wäre es, faire Texte, Berichte, Reportagen einem breiten Publikum in Deutschland zugänglich zu machen?
Adressat: Leser, die von weltwärts bzw. den Gastländern keine, oder nur allgemein bekannte Informationen haben.
Herausforderung: Erstellt einen journalistischen Text, der einen spezifischen Aspekt Eures Gastlandes beschreibt (z.B. Geschlechterrollen, soziale und religiöse Gruppen, Regionen, aktuelle (politische) Ereignisse oder Diskurse, spezifische Sportkulturen, etc.)
Stellt diesen Aspekt vielseitig und unterhaltsam vor. Versucht den Leser gleichsam zu informieren, als auch zu irritieren. Es geht nicht um die Reproduktion von Klischees und eine Bestätigung von geläufigen Vorstellungen, sondern im Gegenteil um eine erfrischend andere, vielseitige und differenzierte Darstellung des Sachverhalts.
Um das Ganze anschaulich und optisch eindrücklich zu gestalten, ermutigen wir Euch, auch Fotos anzufertigen und dem Text beizufügen.
Hilfreiche Fragen zur Themenwahl:
-welche Aspekte/ Details/ Kulturen/ Praktiken Eures Gastlandes bzw. der Menschen Eures Gastlandes findet ihr spannend und ergreifend?
-welches Thema wollt Ihr selbst einmal näher untersuchen?
-worüber sollte einmal berichtet werden? Was ist der Öffentlichkeit nicht, oder nur unzureichend bekannt?
-was bietet sich in der Umgebung des Zwischenseminars thematisch an? Gibt es Menschen/ Orte, die Ihr besuchen bzw. befragen könnt?
-welche Kenntnisse und besonderen Erlebnisse gibt es in Eurer Gruppe?
Bitte beachten: Ziel ist ein interessanter und überraschender Text, der ohne Vorurteile, Klischees, Rassismen und Verallgemeinerungen auskommt. Ein Bericht, der fair und reflektiert Erlebnisse und Informationen aus einem Teil der Welt in einen anderen tragen kann.
Um das Ziel zu erreichen, ist es hilfreich die existierenden und kursierenden Vorurteile und das vorhandene Halbwissen der Leserschaft mitzudenken. So könnt Ihr damit spielen, bzw. differenzieren oder widerlegen. Beachtet den Code of Conduct bzw. die Checkliste. Lasst so oft wie möglich Leute aus dem Gastland „sprechen“, bzw. informiert Euch bei Ihnen so gut es geht!
Technische Leitlinien:
Text und drei JPEG-Bilder (guter Qualität) in Form eines Word-Dokuments (.doc). Der Text sollte aus ca. 1300 Wörtern (10.000 Zeichen mit Leerzeichen, d.h. zwei DINA4-Seiten, Schrift: Times New Roman, Schriftgröße 11, einfacher Zeilenabstand) bestehen und dieses Maß nicht signifikant unter oder überschreiten.
Techniken zur Anregung:
Text: Interviews, Umfragen, Reportage, Reisebericht, Dialog, Erörterung etc. (auch Mischformen sind möglich)
Bild: Die Fotos müssen keine Bebilderung des Textinhalts sein. Sie können illustrierend und passend andere Inhalte haben und eher eine Stimmung transportieren. Sie können Details und >Strukturen zeigen und damit die Phantasie anregen. Sie können selbst erstellte künstlerische Installationen, Skulpturen, Objekte oder Stillleben zeigen, die das Thema illustrieren. Ihr könnt mit Schatten, Metaphern, Perspektiven und Unschärfen arbeiten.
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Viel Spaß!!!













